29. Oktober 2020

Marie-von-Bunsen-Tour

Von Schwerin nach Berlin

Ein Bericht von Ulrich A., WSC KLare Lanke, Berlin

Marie von Bunsen (1860 London – 1941 Berlin) war eine Dame der Berliner Gesellschaft, auf der einen Seite Teil des deutschen Feudalsystems (sie sollte Hofdame der Mutter von Wilhelm II werden), auf der anderen Seite selbstbewusst und unabhängig. Sie unternahm alleine mehrtägige Rudertouren auf deutschen Flüssen. In einer Ausstellung 2016 in Berlin wurde unter anderem ihr Ruderboot „Formosa“ gezeigt.

„Formosa“

Mit 55 Jahren unternahm sie im Spätsommer 1915, als der Effekt des Weltkriegs auch im deutschen Hinterland schon spürbar war, eine Rudertour von Schwerin über das Schloss Wiligrad am Schweriner Außensee Richtung Berlin (wobei sie wegen schlechtem Wetter Berlin nicht per Ruderboot erreichte). Die Tour war die Inspiration für mich, die Strecke 2020 zu fahren, allerdings mit einem Paddelboot statt einem Ruderboot.

Freitag 28. August

Mit Zelt, Klamotten, Proviant usw. im Auto und Kajak auf dem Auto fahre ich vom Bootshaus des WSC Klare Lanke durch den Stau in Potsdam zur A10 und dann Richtung Schwerin. Sobald ich schneller als 80 km/h bin, jault und brummt der Dachgepäckträger im Fahrtwind. Ich beschließe dann wenigstens Tempo 80 halbwegs konstant zu fahren und werde prompt geblitzt. 17:30 komme ich beim Bootshaus/Hafen des SV Mecklenburgisches Staatstheater an, grade noch rechtzeitig, denn der Hafenmeister macht pünktlich 18.00 Feierabend. Wer später kommt, kriegt keinen Schlüssel für Toilette und Duschen mehr. Auspacken, Zelt aufbauen, dann suche ich in Schwerin einen Parkplatz, wo ich legal und kostenfrei eine Woche parken kann (nicht einfach!), schlendere durch die Stadt und finde schließlich ein Restaurant, wo nicht „alles reserviert“ ist, wenn man als Einzelner kommt.

Samstag, 29. August

Es soll heiß werden, deshalb starte ich schon um 08:00 Uhr. Zuerst sehe ich mir das Zuckerbäckerschloss Schwerin von der Wasserseite im Licht der Morgensonne an.

Zuckerbäckerschloss Schwerin

Ich fahre die Stör-Wasserstraße zum Außensee und Richtung der Insel Lieps. Kaum ein Boot in Sicht, lediglich am Ufer liegen ein paar Motorboote. Das Wasser ist (für Berliner Verhältnisse) glasklar, und die Insel Lieps sieht richtig interessant aus, als ich an ihrer Ostseite längs fahre. Ich steuere eine Bucht an, um dort an Land zu gehen. Die Farbe des Wassers wechselt von blau zu grün zu knallgrün-schwadig. Also trotz des klaren Wassers ein Blaualgenteppich. Da verliere ich die Lust, durch Blaualgen ans Ufer zu waten und steuere wieder weg von der Küste. Das Wasser ist hier so flach, dass mein Paddel mehrmals aufsetzt, die Wassertiefe ist in dem knallgrünen Blaualgenteppich unmöglich abzuschätzen. Ich umrunde die Nordspitze der Insel und steuere Schloss Wiligrad an, wo ich anlande, den Garten, die Kopie des Braunschweiger Löwen und die Sichtachsen bewundere. Marie von Bunsen hielt sich hier mehrere Tage als Gast des Herzogs zu Mecklenburg auf, das Schloss war da keine 20 Jahre alt. Auf dem Weg zurück frischt der Wind ganz schön auf, ich fahre deshalb durch den Langen Graben und Ziegelsee. Am Ziegelsee liegen und fahren ein paar mehr Motorboote, auch ein paar Paddler. Auslegerkanus scheinen hier beliebt zu sein. Durch den Heidensee fahre ich zurück zum Staatstheater.

Sonntag. 30. August

Wieder Start um 08:00, sonnig, wolkenlos, windstill. Ich drehe noch eine Runde ums Schweriner Schloss, die Schauseite ist aber morgens eindeutig die Sicht von Osten, vom Schweriner See. Dann gegen die Sonne Richtung Kaninchenwerder und Ziegelwerder, bevor trotz Sonnenschein das Leuchtfeuer Störkanal mit den Sektoren Rot, Weiß und Grün sichtbar wird. Der Störkanal ist nicht das allerspannendste Gewässer. In Plate, nach etwa 5km, gibt es eine Hubbrücke, vor der zwei ziemliche dicke Motorboote auf die Öffnung warten. Betrifft mich natürlich nicht, ich paddele weiter bis Banzkow, wo ich gerne vor den Motorbooten schleusen würde, aber der Schleusenwärter wartet, bis die beiden Motorboote aufgeholt haben. Offiziell gilt im Störkanal eine Höchstgeschwindigkeit von 6 km/h, ich fahre 8 km/h, und eins der Motorboote zieht mit ziemlicher Geschwindigkeit und ziemlichen Wellenschlag an mir vorbei. Der Störkanal geht jetzt 8 km schnurgrade, bevor er einen Knick macht, um dann weitere 2,5 km geradeaus zu führen. 12:30 bin ich beim Elde-Dreieck und mache eine Pause. Außer wenigen Motorbooten ist kein Verkehr auf der Müritz-Elde-Wasserstraße. Die Motorboote, Charterboote, sind allerdings von beeindruckender Größe. Unter 12 m Länge scheint da nichts zu gehen. Ich schleuse in Garwitz und Parchim (da sind auch ein paar Paddler) und peile dann den Wasserwanderrastplatz „Eldeblick“ bei Neuburg an. Der ist allerdings geschlossen, der Pächter ist in den Ruhestand gegangen. Ein Einheimischer rät mir, ich solle doch die Gemeinde fragen, ob ich da zelten kann. Ich nehme an, das war subtiler Humor und versuche nicht, um 18:00 am Sonntag Abend die Gemeindeverwaltung anzurufen, zumal ich kurz von Neuburg an ein paar sehr schönen „wilden“ Zeltmöglichkeiten vorbeigefahren bin. Ich fahre noch etwas zurück und zelte dann sehr romantisch.


Müritz-Elde-Wasserstrasse

Montag, 31. August

Früher Start lohnt sich nicht, da ich nur 2 km vor der nächsten Schleuse bin und erst ab 09:00 Uhr geschleust wird. Ich schleuse dann kurz nach 09:00 allein. Vor der Schleuse Lübz treffe ich dann den „Speedboat“-Fahrer aus dem Störkanal wieder. Wir schleusen zusammen, auf den 5 km bis zur Schleuse Bobzin mache ich dann etwas mehr Tempo, damit er nicht vor mir schleust. Wäre nicht nötig gewesen, wir warten dann beide ziemlich lange, bis ein paar Boote in Gegenrichtung geschleust werden. In der Zeit kommt aus fast blauem Himmel ein heftiger Regenschauer. Naja, Kajak fahren ist Wassersport. Die Schleuse Bobzin ist mit 7 m Hubhöhe eindrucksvoll, und es gibt Warnungen, dass der Schwall des einlaufenden Wassers beim Aufwärtsschleusen für Kajaks gefährlich sein soll.

Schleuse Bobzin

Mein Motorboot fahrender Freund legt sich dann ganz hinten in die Schleusen-kammer, so dass ich vor ihm schleusen muss. Ist aber weniger wild als erwartet, hauptsächlich zeitaufwendig, bis die Kammer 7 m hoch gefüllt ist. Bei der Schleuse Barkow  (10 km vom Bobzin) hat der Motorbootfahrer es dann geschafft, als ich ankomme, schleust er bereits aufwärts. Noch eine weitere Schleuse in Plau, bevor ich den Hafen Plau erreiche und da zelte. Dort treffe ich zum ersten Mal Wasserwanderer im eigentlichen Sinne (Motorbootfahren ist für mich ebenso wenig Wasserwandern wie Autofahren Wandern ist), ein Pärchen, das mit selbst gebauten Kajaks von Dömitz hier her gekommen ist.

Plau am See

Dienstag, 01. September

Windvorhersage ist auffrischend auf Nordost 3, in Böen bis zu 5. Ich starte früh, um noch bei Windstille quer über den Plauer See zu kommen. Unter Landabdeckung bei Nordwind ist der Weg deutlich länger. Aber um 07:30 ist es noch völlig windstill. Dafür fahre ich direkt gegen das Sonnenlicht, es ist schwierig genau zu sehen, wohin man fährt.

Plauer See

Bei Malchow ist es immer noch windstill, im Fleesensee beginnt es dann, aufzufrischen. Im Kölpinsee halte ich mich an die Tonnen des Sperrgebiets Wisentgehege (keine gesehen), bis ich anhand der immer wieder auftauchenden Boote die Einfahrt zum Reeckkanal ausmachen kann und direkt darauf zu halte. Dort mache ich Pause, checke noch mal die Windvorhersage (unverändert) und beschließe, am Ostufer der Müritz längs zu fahren. Das bedeutet, für mehr als 10 km ist keine Pause möglich, da Anlanden wegen Naturschutzgebiet verboten ist. In der Binnenmüritz wird es dann noch mal richtig böig mit etwas Wellen, dazu Schiffsverkehr. Aber sobald ich vom Süd- auf Südost-Kurs einschwenke, wird es ruhiger. Von der Höhe des Kajaks aus gesehen, verschwinden die Hügel der Südseite der Müritz hinterm Horizont, sie sieht eindrucksvoll groß aus.

Müritz

Ich fahre entlang der Sperrgebietstonnen und kann grade mal ein Boot sehen, das knapp außerhalb des Sperrgebiets ankert. Als das Müritzufer nach Osten abknickt, wäre der dem Ufer folgende Kurs gegen den Wind gewesen, deshalb fahre ich mehr Südost, direkt auf das Ende des Sperrgebiets zu. Dann drehe ich noch weiter Süden und Westen, und fahre mit raumen Wind und Wellen auf den Eingang des Bolter Kanals zu. Bei der Bolter Schleuse soll laut Jübermann eine Zeltmöglichkeit sein, allerdings steht am Eingang des Bolter Kanals, dass dort Zelten verboten wäre. Daher kehre ich wieder um und fahre zum Campingplatz Bolter Ufer zurück.

Mittwoch, 02. September

Nach dem Wind-, Wolken- und Sonnentag gestern ist es heute grau und still. Ich fahre den Bolter Kanal, schmal, eng, mit alten Bäumen bestanden, Kontrastprogramm zur Müritz gestern. 

Kurz vor der Bolter Schleuse bellen mich von allen Seiten Schilder an: „Privat!“ „Verboten!“ „Du nicht!“ Ich entscheide mich für die Rampe, die am wenigsten verboten scheint. War offensichtlich nicht der richtige Weg, und das Umtragen wird etwas länger als normal, aber ich komme bei der richtigen Einsetzstelle an. Das Wasser im Unterwasser ist sehr niedrig, etwas mühsam das beladene Kajak da einzusetzen, aber bald geht es durch die Alte Fahrt Richtung Mirow, wo auch die Müritz-Havel Wasserstraße für Dickboote dazu stößt. Im Zotzensee und Vilssee wieder mehr Motorboote unterwegs, eins scheint mal wieder großen Wert darauf zu legen, mich unbedingt zu überholen. Ich setzte mich auf seine Bugwelle und surfe eine Zeitlang mit, bis mir das zu anstrengend wird. Kurz vor der Schleuse Diemitz nimmt der Motorbootsfahrer dann Gas weg und reiht sich mit einer eleganten Kurve ganz am Ende der Schlange ein. Es warten hier etwa 15 Boote auf die Schleusung, etwa 3 Boote kommen bei jeder Schleusung mit, und eine volle Schleusung dauert 30-45 min. D.h. die warten hier 3 Stunden oder so. Overtourism auf der Meck-Pomm Seenplatte. In der Schlange entdecke ich dann auch meinen Freund aus dem Störkanal, er ist gestern über die Müritz nach Mirow gefahren und will nach Wesenberg. Das sind noch 5 Schleusen, viel Glück.

Kajaks werden natürlich immer neben den Motorbooten geschleust. Für Paddler haben die Schleusen den Vorteil, dass immer nur 3 Motorboote gleichzeitig auf die nächsten Seen gelassen werden. Find ich gut. Ich ziehe als bei den Schleusen Canow, Strasen und Steinhavelmühle jeweils an der Schlange vorbei.

Stau an der Schleuse

Eigentlich will ich am Röblinsee zelten, aber dann fängt es zu regnen an, und der Zeltpaltz sieht so trübe aus, dass ich lieber weiter fahre. Am Wasserwanderrastplatz Fürstenberg steht ein alkoholisierter Mann und begrüßt mich mit einer Mischung aus Fragen und Beschimpfungen. Ich lasse mein Boot kurz da und kaufe noch Proviant und Wasser nach, falls ich heute wild zelte. Dann geht es durch die Priesterhavel zum Schwedtsee. Deutlich weniger Wasser als vor zwei Jahren, als ich hier von der Oberhavel kommend durchgefahren bin. Ein paar Mal schrammt mein Boot auf Steinen auf, ein paar Mal kratze ich mein Paddel an. Es ist schon spät, und der Himmel ist dunkelgrau, deshalb mache ich Tempo. Auf der anderen Seite des Stolpsees ist der Campingplatz Himmelpfort sichtbar, aber es sind noch 3 km, bis ich ankomme.

Donnerstag 03. September

Nachts Regen, aber Morgens klarer Himmel. Das Stück Havel von Stolpsee bis Burgwall ist eins der schönsten Strecken.

Havel

Bei der Schleuse Bredeeiche schleuse ich mit zwei Motorbooten, die danach mit wenigen Metern Abstand hintereinander durch die Mäander jagen, wobei der hintere ununterbrochen schimpft, weil er nicht überholen kann. Ich lass die beiden ziehen, und versuche soviel Abstand zu halten, dass ich das Dröhnen nicht mehr höre. Und an jeder Schleuse, Regow, Zaaren, Schorfheide, treffe ich die beiden wieder. Erst hinter der Schleuse Schorfheide fährt der hintere der beiden in Richtung Templin. Ich mache Pause und beobachte Eisvögel. An der Schleuse Zehdenick hat ein Motorboot kurz vor mir geschleust, deshalb dauert es lange, bis ich durch die Schleuse fahre. Der Vosskanal ist ebenfalls keins der super-spannenden Gewässer. Auf der einen Seite führt der Fern-Radweg Berlin-Kopenhagen längs, Radler mit und ohne Gepäck in beiden Richtungen. Auf der anderen Seite führt der Weg des Wasserwirtschaftsamts längs, dort finde ich ein schönes Zeltplätzchen. Dann Planung für die nächsten Etappen, zu WSC ist es zu weit, rufe beim WC Havel an und vereinbare, mein Boot morgen dort liegen zu lassen.

Freitag, 04. September

Morgens Regen. Zelt abbauen im Regen ist immer besonders frustrierend. Paddeln im Regen ist etwas besser, auf die Schleuse warten im Regen ist doof. Kurz bevor ich mein Boot ins Wasser gelassen habe, ist ein Motorboot an mir vorbei gezogen, deshalb dauert die Schleusung Bischofswerder lange. Danach hört der Regen auf, aber es bleibt trüb. Bei der Schleuse Malz hat ein anderes Motorboot die Schleusung bereits angefordert, als ich komme, deshalb ist die Wartezeit kurz. Der Oder-Havel-Kanal ist mühsam, Gegenwind und wenig sichtbarer Fortschritt. Aber selbst hier gibt es Eisvögel. Schleuse Lehnitz sieht sehr industriell aus, mit Warteschlange für Motorboote, aber es gibt eine Gleislore für Kajaks. Auf der anderen Seite der Schleuse kommt die Sonne raus und ich mache Pause. Der Lehnitzsee ist schön, der Rest der Strecke ist eher von einer herben industriellen Schönheit mit Autobahnbrücken und dem Stahlwerk Henningsdorf. Ich brauche noch eine Pause, ehe ich die Energie zur Weiterfahrt zum WC Havel habe. Dort angekommen, „parke“ ich mein Boot, packe die nassesten Plünnen (Zelt) und fahre mit der S-Bahn nach Hause.

Samstag, 05 September

Morgens wieder Regen, aber in der Wohnung hat das nicht des selben Effekt wie im Zelt. Ich warte, bis sich das Wetter bessert, und fahre dann zum WC Havel. Von nun bekannte und schöne Strecke durch die Havelseen zur Schleuse Spandau und dann weiter zum WSC Klare Lanke.

Mit Dank an den SC Mecklenburgisches Staatstheater und den WC Havel für ihre Unterstützung.