2. Dezember 2021

Kleine Fluchten – Lassan

Ein Bericht von Ulrich A., WSC KLare Lanke, Berlin

Juni im Jahr 2 nach Covid, das Wetter ist schön, die Inzidenzen sinken, ich erinnere mich an ein Leben mit Reisen, aber für längere Urlaubsplanungen fehlt das Vertrauen. Also bevor die Schulferien anfangen und alles voll wird, schnell einen Zeltplatz für ein 3-Tage-Wochenende gebucht in Meck-Pomm, am Peenestrom zwischen der Insel Usedom und dem Festland. Da ist es geschützter als an der Ostsee, trotzdem gibt es mit Achterwasser und Stettiner Haff richtig große Wasserflächen. Der Wetterbericht ist dann nicht so toll, Freitag sonnig und Windstärke 2-3, dann soll ein Regengebiet durchziehen und danach ist Starkwind angesagt.

Also Freitag früher Start, die Autobahn ist leer, hinter Anklam, in Murchin, wo fast alle nach rechts Richtung Usedom abbiegen, geradeaus auf einer kleinen Allee nach Lassan, wo die Zeit still zu stehen scheint, und Boot ins Wasser lassen.Vom Zeltplatz geht es ein paar hundert Meter durch einen verkrauteten und etwas „aromatischen“ Stichkanal zum Peenestrom, der sich hier weit öffnet. Ich fahre direkt auf das Steilufer der Südspitze Gnitz zu, das sind etwa 5 km. Der Peenestrom weitet sich hier auf und geht ins Achterwasser über. Bei der Tonne 74 fühle ich mich richtig „auf See“, obwohl ich doch nur 2 km vom Ufer entfernt bin. Das Steilufer an der Südspitze ist atemberaubend wild und schön.

Da es Naturschutzgebiet ist, halte ich Abstand und fahre am Westufer Gnitz weiter. Dort tauchen dann die Satellitenschüsseln der Dauercamper auf dem Zeltplatz auf, der Strand und die Treppe des Zeltplatzes. Könnte aber aufdringlicher sein, schon schlimmeres gesehen.

Nur ein paar hundert Meter ist das Steilufer wieder wild und leer, ich steuere zwischen ein paar großen Steinen im Wasser eine sandige Stelle hinter dem Schilf an.

Ein Reh schreckt auf und springt weg. Trotz der Nähe des Zeltplatzes scheint es hier völlig unberührt. Wenn es ein Paradies ist, so ist es ein vergiftetes: Mücken von der Größe eines kleinen Flugsauriers stürzen sich auf mich, und ich ergreife bald die Flucht. Ein Trupp Flugsaurier hat sich aber in der Luke des Boots verschanzt und saugt den Rest des Tages an meinen Beinen.

Noch weiter nördlich flacht das Ufer ab, Schilf und dahinter Weiden. Ich folge dem Ufer über Krummin bis nach Wolgast, wo die Kriegsschiffe an der Lürssen-Werft und die wie ein riesiges Spielzeug wirkende Klappbrücke das Kontrastprogramm zu Gnitz geben.

Von Wolgast paddle ich zurück nach Lassan, wo ich dann Zelt aufbaue und in die Stadt gehe. Die Stadt ist wirklich aus der Zeit gefallen: 750 Jahre Stadtrecht, heute etwa so viele Einwohner wie 1840, unrenovierte Häuser im Ortskern, auf einem Haus entdecke ich den verblichenen Schriftzug „Drogen-Handlung“ (gemeint war Apotheke, nicht Ecstasy). Nur passend, dass auf dem Zeltplatz ein Treffen von „Barkas“-Campervans stattfindet, natürlich mit Original-Zweitaktmotoren. Am Samstag sagt der Wetterbericht Regen, Nordwest-Wind Stärke 5, in Böen 7 an. Ich entscheide mich für einen Strandtag und fahre nach Usedom, wo ich kilometerweit einen fast menschenleeren Strand entlang gehe und in Peenemünde sogar einen Kaffee aus einer Tasse trinken kann, nicht nur die elendigen „to-go“-Pappbecher. Regen gab’s auch, aber nicht so viel wie angesagt.

Sonntag ist der Himmel grau, der Wetterbericht sagt Stärke 4, in Böen 7. In der Bucht von Lassan ist es noch geschützt, dann fahre ich Richtung Südost den Peenestrom entlang. Auf den Berliner Seen führt Windstärke 4 zwar zu Geschaukel, aber es bildet sich kein richtiges Wellenmuster aus. Hier hat der Wind 12 km Anlaufstrecke und weht schon einen Tag, hier sind zwar flache, aber doch regelmäßige Wellen, so etwa wie von der Wannsee-Fähre. Die Wellen rollen unter meinem Boot durch, etwas schneller als ich, nicht hoch genug um zu surfen, aber doch so, dass ich eine merkliche Beschleunigung spüre, wenn sie unter dem Vorschiff durchlaufen. Ich freue mich über die Geschwindigkeit und dann ist da auf einmal ein schlecht sichtbares Stellnetz voraus. Um nicht wie ein Fisch im Netz zu zappeln, fahre ich quer zu Wind und Wellen raus, bis ich das Netz umrunden kann. Von da etwas mehr Abstand zum Ufer… Nach etwa 7 km biegt das Ufer nach Südwesten ab, auf einmal bin ich im Windschatten, und es ist wie abgeschaltet. Keine Wellen, nur etwas Gekräusel, kaum Wind, im Schilf singen die Rohrsänger. War ich eben etwas angespannt, als das Stellnetz auftauchte? Wegen dem bisschen Wind?

Ich fahre noch ein Stück, bis der Kirchturm von Usedom auf Usedom querab ist, und drehe dann um. Als das Ufer wieder in Nordwest-Richtung verläuft, merke ich den Wind, ziemlich deutlich sogar. Mein Boot läuft sehr trocken, ich kriege wenig Spritzer ab, aber der Wind zerrt am Paddel. Dann kommt auch noch ein Regenschauer durch, ein paar Windböen, und ich habe das Gefühl, völlig auf der Stelle zu paddeln. Ich suche Schutz in einem kleinen Stichkanal im Schilf, bevor es weiter geht. Zumindest kann ich am Ufer erkennen, dass ich langsam voran komme, weiter draußen wäre es sehr frustrierend. Irgendwann erreiche ich die Lassaner Bucht und lasse mich dann vor Wind und Wellen in den Stichkanal des Zeltplatzes treiben.

Der Peenestrom ist ein fantastisches Revier. Ich weiß nicht, ob er immer so leer ist, wie ich ihn erlebt hatte (außer in Wolgast vielleicht vier Motorboote an 2 Tagen gesehen), aber wie Wannsee wird’s nie werden. Es gibt genügend geschützte Gebiete, wo auch Windstärke 4 für erfahrene Binnen-Paddler problemlos ist, und bei ruhigem Wetter hat man alle Möglichkeiten im Achterwasser und Stettiner Haff. Man kann den Stau auf Usedom vermeiden (aber nicht den Stau nach Anklam) und Lassan ist eine Zeitreise nach 1980, 1996, und 1840. Heringsdorf ist 20 km Luftlinie entfernt (50 km mit dem Auto), und doch eine ganz andere Welt.