29. September 2022

Bodden-Bummeln

Ein Bericht von Ulrich A., WSC KLare Lanke, Berlin

Bodden sind laut Wikipedia Lagunen. Das klingt ungeheuer romantisch und exotisch, mindestens nach Venedig, oder gleich nach Pazifik, und das knappe drei Stunden Autofahrt von Berlin.
Da. Muss. Ich. Hin.

Von den vielen Möglichkeiten bietet sich die Strecke Ribnitz-Damgarten bis Stralsund an: mit ca 100 km Länge eine schöne Tour für ein sehr langes Wochenende, gut geschützt, gute Bahnverbindung zwischen End- und Startpunkt.

Freitag, 17. Juni:

Einsetzen am Hafen Damgarten, mit Bootsrampe und kostenlosen Parkplätzen. Windstärke 3, W, sonnig, leicht diesig.

Noch zwei Mäander auf der Recknitz, dann öffnet sich der Saaler Bodden. Das Wasser hat eine ähnliche Farbe wie der Wannsee und ist ähnlich undurchsichtig: wenn das Paddelblatt eingetaucht ist, kann man die untere Hälfte nicht mehr sehen. Da dann ein paar Wellen kommen, kann ich testen: auch der Geschmack ist ähnlich wie der Wannsee: leicht moderig, nicht salzig. Die Stellnetze gehen weiter raus als im Wannsee, und da das gegenüber liegende Ufer deutlich weiter entfernt ist als am Wannsee, ist die Orientierung schwieriger. Anders als Seekarten zeigt der Jübermann-Atlas keine Zeichnungen der Kirchen, die „Kirchturm-Navigation“ fällt damit aus. Deshalb fahre ich den Tonnenstrich, bis irgendwann mal eine grüne Tonne statt der roten kommen sollte. Grüne Tonnen sind gegen das Ufer am Horizont schwieriger zu sehen. Statt der Tonne peile ich deshalb einen Farbunterschied des Ufers am Horizont an – das ist der Haken von Damser Ort. Später zeigt mir der GPS-Track, dass ich nur 500m vor der Tonne den Kurs geändert habe, und trotzdem habe ich sie nicht gesehen. Ab Damser Ort dann mit Rückenwind und Schiebewellen zu

den Bülten. Hier gibt es wieder unübersehbar viele Tonnen, allerdings wäre die Durchfahrt ohne Tonnen oder GPS auch schwierig zu finden. Ich schneide die Kurven im Koppelstrom und nehme Kurs auf den Wasserwanderrastplatz Fuhlendorf, eine große Steganlage ist weithin sichtbar. Aber ohne Masten. Als ich näher komme, auch ohne Motorboote. Die Sliprampe ist mit Schilf überwachsen, der Steg gesperrt, es sind auch einige Bohlen vermodert und gebrochen. Aber die Zeltwiese ist frisch gemäht, und an der Info hängt die Telefonnummer vom Hafenmeister. Toilette ist aber leider abgeschlossen. Ich hinterlasse eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter und baue Zelt auf. Stunden später Anruf: der Rastplatz sei seit 2014 eigentlich geschlossen, bzw. jetzt am Hafen Bodstedt, 1 km weiter. Leider hätten es seit 2014 weder Jübermann noch die Tourist-Info MV geschafft, Atlas bzw. Website auf den neuen Stand zu bringen. Wie war das Bismarck-Zitat über Mecklenburg? Alles passiert hier 50 Jahre später. Na, dann. Trotzdem kommt die Hafenmeisterin auf dem Elektroroller von Bodstedt, kassiert 5€ Gebühr und 1,50€ Kurtaxe und füllt für letzteres ein Formular aus, in dem ausser Vorstrafen und Flensburg-Punkten so ziemlich alles an persönlichen Daten abgefragt wird.

Sonnabend, 18 Juni:

Windstärke 4, SW, leicht bewölkt.

Ziel ist Barth, für das pralle Stadtleben: Lebensmittel kaufen und Restaurants. Ich lass mich von Wind und Wellen Richtung Meiningenbrücke schieben, erst nach Kompass, dann auf Sicht, dann sehe ich die Tonnen des Fahrwassers. Ich fahre erstmal in den Prerower Strom, wo keine 100 m vor mir ein sehr großer Vogel vom Baum abhebt und dann irgendwo im Schilf verschwindet. Nach der Größe und den weißen Schwanzfedern könnte das ein Seeadler gewesen sein. Im engen Prerower Strom gibt es dann weder Wellen noch richtig Wind, nur Schilf, Bäume, und zum Schluss ein Hafen. Leider gibt’s im Hafen keine Aussteigemöglichkeit für Paddler, und das Cafe hat noch zu. Bleibt mir nichts anderes als den gleichen Weg zurück, dann unter der Meiningenbrücke durch, und nach Norden Richtung Zingst. Aber auch Zingst ist nicht besonders paddlerfreundlich, eine offensichtliche Kombination von Anlegestelle und Cafe sehe ich nicht. Einstürzende Stege dagegen scheinen in dieser Gegend populär zu sein: nach Fuhlendorf leistet sich auch Zingst ein solches Teil. Bei der Fähre nach Kirr gibt es eine Sliprampe, da mache ich dann Pause (ohne Cafe). Auf der Fahrt nach Barth merke ich dann, wie flach (und trüb) der Bodden ist: mehrere hundert Meter östlich der Oie ist es so flach, dass ich mehrmals mit dem Paddel auf Grund komme. Tief dagegen ist es auf der Sliprampe im Hafen Barth: ich ramme meinen Bug auf den Gummibelag der Rampe, trotzdem ist das Wasser knapp hüfttief, als ich aussteige. Und die Rampe ist verdammt glatt.

Der Barther Seglerverein redet auf seiner Webpage von einer „Jollensegler-Wiese“, auf der man zelten könne. Wie häufig ist die Realität weniger romantisch als die Webpage: auf der Schotter-Wüste stehen dicht an dicht die Wohnmobile. Der Hafenmeister hält von 17:00-18:00 Audienz, und vorher gibt es keinen Schlüssel für Dusche oder Toilette. Keiner der Club-Mitglieder hat einen Schlüssel (ach nee..), aber einer der Wohnmobilisten hat Mitleid und schließt mir die Tür auf.

Nach einer Dusche stürze ich mich ins Stadtleben und erwische so um 15.00 für die günstige Zeit für Restaurants, wo es nicht „alles reserviert“ ist, wenn man alleine kommt. Barth ist ein nettes kleines Städtchen, voller Ferienwohnungen und Radtouristen. Es gibt eine deutliche Zweiteilung der Restaurants: „Eshramo“ und „Sur La Mer“ sind für Touristen, „Pizza Enjoy“ und „Pizza Döner Treff“ eher nicht.

Sonntag, 19 Juni:

Das eigentlich für die Nacht vorhergesagte Gewitter ist 50 km nördlich vorbeigezogen, aber windig ist es. Laut Wetterberichten den ganzen Tag NW 5, in Böen 6. Es ist windig im Hafen, und ausserhalb des Hafens ist es auch wellig. Mit Wind und Wellen direkt gegenan ist paddeln eine Geduldprobe. Ich versuche, mich zu überreden, ja, ich komme voran, nein, ich paddele nicht nur endlos auf der Stelle. Währenddessen werde man geschüttelt, bespritzt, und hin und wieder von einer Welle in den Bauch geboxt. Das Wasser ist auch schon deutlich salziger als im Saaler Bodden. Es sind nur etwa 4 km, bis ich im Windschatten des Fahrenkamper Hakens Pause mache, aber es fühlt sich lange an. Dann geht es um den Haken und auf SSE Richtung Hafen Dabitz. Am Haken ist es so flach, dass die Wellen, nun fast parallel zum Kurs, hier brechen. Ich überlege mir, wie es wäre, bei 40 cm Wassertiefe zu kentern und fahre lieber etwas weiter raus. Dort fährt es sich sehr „beschwingt“ und mit einem Grinsen im Gesicht, es ist fast schade, wie schnell der Hafen Dabitz näher kommt. Der Hafen ist ganz anders als Barth: eine echte Zeltwiese, der Hafenmeister kommt auf einem Skateboard und hilft das Boot tragen, und selbst wenn er nicht käme, wäre die Dusche offen. Noch dazu gibt es guten Kaffee und (nach deren Aussage) das beste Schnitzel am Bodden.

In Berlin ist Hitzewelle mit 37 Grad, hier sind es grade mal 14 Grad.

Montag, 20. Juni:

erst kein Wind aus unterschiedlichen Richtungen, dann E, 2-3. Morgens Dunst, später bewölkt.

Wärmer als gestern.
Heute Übung im Gradeausfahren: von Dabitz quer über den Grabow, dann in die Kinnbackenhagener Rinne. Da der Grabow recht groß ist, fahre ich mit geschlossener Spritzdecke und mit Rettungsweste, obwohl es weder Wind noch Wellen gibt. Entsprechende Gefahren sind Dunst auf der Brille und Schweiß im Auge. Trotzdem komme ich heil bei der Tonne am Grabow-Stein und am Tonnenstrich bei Kinnbackenhagen an. Bei der Tonne 34 sehe ich grade noch rechtzeitig auf die Karte, sonst wäre ich nach über 12 km gradeaus zwischen Großer und Kleiner Werder durchgeschossen, ins Sperrgebiet bis nach Hiddensee. So drehe ich um 30 Grad nach rechts und fahre nicht mehr auf den entferntesten Punkt am Horizont zu, sondern irgendwo aufs Ufer zu, wo es scheinbar nicht mehr weitergeht. Es geht aber weiter, ich kann links die Windflüchter auf der Insel Bock sehen, und rechts den Hügel von Barhöft. Irgendwann tauchen dann von rechts große Boote auf, und dann der Hafen von Barhöft. Es gibt einen Sandstrand zum Anlanden, eine Zeltwiese, und ein Cafe/Imbiss mit Kaffee aus der Thermoskanne. Ist ein süsser Hafen, muss bei Seglern/Motorbootlern sehr beliebt sein. Während am Horizont immer mehr immer dunklere Wolken aufziehen, fahre ich auf Stralsund zu. Beim Stralsunder KC parke ich das

Boot, dusche, und gehe zur Bahn. Kurz vorm Bahnhof fängt der Regen an.
 

Hinweis: Solofahrten können kritischer sein als Fahrten in der Gruppe. Wichtig ist gutes Risikomanagement und nicht zeigen zu wollen „was man so drauf hat“.